Leute, stuttgart diary

Wir machen hier nicht einfach einen Job. Interview mit Timo Steinhauer vom Friedrichsbau Varieté

Timo Steinhauer im Interview mit Emma von Bergenspitz. © Foto Klaus Schnaidt

Als im November letzten Jahres die Einladung zur Premiere der Grande Revue im Friedrichsbau Varieté kam, war ich aus zweierlei Gründen ziemlich erfreut. Einerseits befand ich mich gerade mitten in der Recherche für mein “Glücksorte in Stuttgart”-Buch, andererseits wollte ich unbedingt wissen, ob die Magie, die ich am alten Standort in der Stadtmitte immer empfunden habe, mit auf den Pragsattel umgezogen war. Um es gleich vornweg zu nehmen, das “neue” Varieté hats ins Buch und in mein Herz geschafft. Faszinierendes Spektakel und extravagante Mischung aus Theater und Zirkus auf höchstem Niveau gabs zur Premiere. Nachdem mein Herzschlag wieder normal Level hatte, habe ich Timo Steinhauer zum Interview gebeten und mit ihm über Glamour und Federkostüme, das Stuttgarter Publikum und den Traum vom eigenen Varieté gesprochen.

Stuttgart hat kulturell einiges zu bieten. Wie hebt man sich da aus der Masse hervor? In der Tat, die Region hat nicht nur ein sehr anspruchsvolles Publikum, es gibt hier auch so viele und sehr gute kulturelle Angebote. Da müssen wir schon etwas Besonderes bieten. So wie die Grande Revue, sie passt wunderbar zum Zeitgeist und ist eine sehr anspruchsvolle Geschichte. Auf meinen Wunsch und mit unserem Regisseur Ralph Sun wollten wir mal wieder eine Revue auf die Beine stellen. 2012 hatten wir die letzte noch im alten Haus. Und etwas Vergleichbares gibt es in Stuttgart nicht.

Was ist anders? Wir wollten eine zeitgemäße Revue machen mit aktuellen Songs aber auch klassischen Federkostümen. Die müssen einfach dabei sein. Trotzdem unterscheidet sie sich von dem, was man immer sieht.

Spektakuläre und sehr sinnliche Einlagen zum Beispiel… Wo bekommt man solche unglaublichen Artisten her? Wenn ein Motto steht, schauen wir, welche Künstler dazu passen könnten. Wir sind immer auf der Suche nach Kontrastpunkten, nach dem Ungewöhnlichen, nach Dingen, die die Leute so noch nie gesehen haben. Darum machen wir uns weltweit auf die Suche, wir fahren auf Festivals, beauftragen Casting Agenten, haben ein großes Netzwerk. Unsere Künstler müssen Powerpakete sein, die mehr zu bieten haben und modular sind, um sich an unsere speziellen Vorstellungen anzupassen.

Wir haben einen wahnsinnig guten Ruf in der Artistenszene. Es gibt einfach sehr viele, die bei uns gespielt haben und sagen „Wow, der Friedrichsbau macht total Spaß, da werdet ihr super gut behandelt, das ist ein tolles Haus.“ So was spricht sich rum. Viele Künstler finden unsere Konzeptarbeit nach einem bestimmten Motto so spannend, das sie gerne zusagen. So bekommen wir eigentlich immer unseren Wunsch-Cast zusammen.

Ein guter Ruf kommt nicht einfach so. Was ist euer Geheimnis? Bei uns greifen die Künstler  natürlich nicht die Millionen ab, obwohl wir sehr faire Preise zahlen. Muss man auch, wenn man wirklich gute Leute haben will. Ich glaube, das Geheimnis liegt auch darin, das wir ein spezielles Haus mit kleinem, sehr nahbarem Team sind. Wir haben das Varieté vor ein paar Jahren vor dem Untergang gerettet, als uns die L-Bank aus Eigenbedarf gekündigt hat. Die Berliner Betreiberfirma wollte darauf hin das Varieté schließen. Kein Theater, kein Sponsoring.

Da standen wir als Mitarbeiter und hatten plötzlich nichts mehr. Aufgeben war für uns aber keine Option. Wir haben uns selbstständig gemacht, ein neues Unternehmen gegründet und hier oben am Pragsattel das neue Theater aufgebaut. Das ist unser Baby, in dem unser ganzes Herzblut steckt. Wir machen hier nicht einfach einen Job. Das hier ist unsere Berufung.

Und das spüren die Künstler? Wir gehen total herzlich und liebevoll miteinander um. Die Künstler sind ja immer auf Reisen, ein fahrendes Volk… Für die 2-3 Monate, wo sie bei uns sind, möchten wir der Heimathafen sein. Wir geben ihnen ein zuhause. Dazu gehört nicht nur, dass sie ihre Gage bekommen. Wir nehmen sie vor allem mit offenen Armen auf und kümmern uns auch um ihre Angelegenheiten. Ein Künstlerpaar hat zum Beispiel ein zweijähriges Kind, das nur französisch spricht. Da haben wir lange gesessen, um einen Babysitter zu finden. Die Künstler kommen hier her, kennen sich nicht aus, kennen unsere Sprachen nicht. Andere Theater interessiert das wenig, da müssen die Künstler alles alleine machen. Bei uns gibts so etwas nicht. Unsere Künstler sollen hier Höchstleistungen vollbringen, da müssen sie motiviert sein und sorgenfrei.

All varieté pictures ©Martin Vogt

Dazu kommt noch, das unser Regisseur Ralph Sun völlig in sich ruht. Er macht die Probewochen absolut ruhig und gefühlvoll. Da gibts viele andere, die einfach nur schreien, die Künstler runter buttern. Wir haben aus diesem Grund eine sehr entspannte Probenphase.

Der dritte Punkt ist, dass Gabriele Frenzel und ich immer als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Es gibt Häuser, da sehen die Artisten die Chefs zur Premiere das erste Mal. Wir sind sehr nah dran. Mir ist es wichtig, alles aufzusaugen. Was empfindet das Publikum, wie ist die Stimmung hinter den Kulissen? Ich bin fast jeden Abend hier vor Ort, begrüße nicht nur die Gäste sondern auch unsere Künstler. Die freuen sich darüber, weil sie für voll genommen werden und nicht nur einfach eine Leistung abliefern. Sie gehören zur Familie.

Das spricht auch für die Qualität vom Varieté. Ein Geben und Nehmen. Alles top Profis aber eben auch Menschen. Und wenn man sich willkommen fühlt, dann gibt man einfach eine größere Leistung. Wir haben ja auch eine Verantwortung ans Publikum. Das freut sich auf so einen Abend, hat Geld in Karten investiert. Die möchten auch etwas geboten bekommen.

Als gemeinnütziges Unternehmen müssen wir sehr gut kalkulieren. Und das Varieté ist ein hartes und teures Pflaster. Aber ich bin 100 Prozent davon überzeugt, dass die Eintrittskarte jeden Cent wert ist. Wir werden damit nicht reich, aber wir schaffen es, das Haus zu erhalten und einige Nachwuchsprojekte zu finanzieren.

Warum ist ein Varieté für Stuttgart so wichtig? Stuttgart ist nicht nur Kulturhauptstadt sondern auch Landeshauptstadt. Und unser Varieté ist baden-württembergweit einzigartig. Einzigartigkeit ist etwas Wunderschönes. Das muss man erhalten.

Ich glaube, gerade in der heutigen Zeit ist unser Stil ganz wichtig. Der Servicegedanke geht mehr und mehr zurück, alles wird unpersönlicher. Bei uns bekommt man eine Beratung von Menschen, die das Haus kennen. Die Gäste werden begrüßt, platziert, man hat seinen Kellner. Diese Wertschätzung am Gast – das ist die Besonderheit bei uns.

Außerdem ist das Varieté ein wunderbarer Ort, wo man einfach mal abschalten und sich verzaubern lassen kann. Diese Mischung aus alten Zeiten und das Zelebrieren von Großstadtflair. Eine Mischung, die den Bogen zwischen verrucht und Eleganz spannt. All das findet man eben in dieser Form nicht. Das Varieté beherbergt alles, was keine eigene Bühne hat. Und wir dürfen auch fast alles zeigen… Artistik, Magie, Gesang, Tanz. Das Ganze gepaart mit Musik, Licht und Bühnenbild ist einfach so besonders. Es gibt kein anderes Haus, das alles in dieser Größe vereint. Träumen, abschalten, Kind sein, mal wieder staunen dürfen.

Das Varieté hat auch eine geringere Einstiegsschwelle als beispielsweise die Oper oder manches Ballett. Die Kunst nicht zu verstehen ist eine große Angst, da verzichten viele lieber auf so einen Abend. Das Varieté ist ein guter Einstieg in die Kultur, vor allem für viele junge Leute. Das ist doch sehr wichtig.

Ist das Friedrichsbau Varieté ein Trendsetter? Ja! Weil wir das Varieté spannender gestalten wollen. Wir haben 2007 mit Mottoshows angefangen, die es bis dato nirgends zu sehen gab. Wir haben deutschlandweit die erste Burlesque Show wieder auf eine Theaterbühne gebracht. Diese erotischen Tänze waren bisher nur in kleineren Clubs zu sehen – nicht aber auf einer großen Bühne. Damit haben wir uns in der Szene echt einen guten Ruf erarbeitet. Mittlerweile kommen auch viele Varietés und Zirkusleute zu uns, schauen unsere Shows an und dann 1-2 Jahre später sehen wir unsere Inhalte an anderer Stelle. Das macht uns stolz.

Deine Augen leuchten beim Erzählen. Lebst du einen Traum mit diesem Varieté? Absolut! Weil es einen eigenen Zauber hat und mich auch nach den ganzen Jahren immer noch begeistert. Zum Beispiel kommen die Grande Revue-Künstler aus Australien, Südafrika, Frankreich, Südamerika, Italien, Deutschland – was für ein spannender Mix. Jeder Künstler lässt was zurück, davon profitiere auch ich. Man spricht über andere Kulturen, Länder, das macht das Ganze spannend, da fängt dieser Zauber an.

Auch nach einem 10 Stunden Tag bin am Abend noch da. Die Artisten kommen, machen sich warm, schminken sich, die Gastronomie bereitet den Saal vor, der Vorhang glitzert. Die Kerzen werden angezündet. Man spürt, das ist Theater, es fängt an zu prickeln. In diesen Momenten denke ich nur, wir haben es irgendwie schon schön. Dann kommt man ins Foyer, sieht die Gäste, die sich für den Abend chic gemacht haben, die sich freuen, und nach der Show sagen, das es ein so schöner Abend war. Und ich bin mit verantwortlich, das es ihnen gefallen hat, mal zwei Stunden weg aus dem Alltag zu sein. Absolut bereichernd und wertvoll, dass wir das schaffen. Darüber bin ich sehr glücklich.

Ich erwische mich mindestens einmal pro Woche, wo ich am Ende der Show noch im Saal stehe, sehe, wie die Leute applaudieren und ich weiß, ich habe den schönsten Job der Welt.

Das Friedrichsbau Varieté feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum und lebt nach wie vor von der Begeisterung des Publikums am schier Unmöglichen. Was für Herz, Hirn und Auge, mit fantastischen Revuen und spektakulären Inszenierungen, internationalen Spitzenartisten, glamourös, einzigartig und ergreifend. Jeder, der schon einmal in den Genuss eines solchen Abends gekommen ist, kann bestätigen, das ist Varieté-Kunst auf Weltniveau. So liegt es wohl auch an uns Zuschauern, dass es noch viele Jahre mehr werden hier oben auf dem Pragsattel.

Die Grande Revue ist noch bis zum 23.02.19 zu bewundern. Also schnell noch ein Ticket ergattern oder bei der Jubiläumsgala am 24.02. dabei sein. Ganz der Manier des Stuttgarter Varietés geht es danach nicht minder spektakulär weiter.

Kleiner Vorgeschmack? Hier geht’s lang…