Leute, stuttgart diary

Die nächste Mahlzeit? Ungewiss. Interview mit Stuttgarts heißem Kessel-Macher Marcus Klein.

Essen, Trinken, Kleidung, soziales Miteinander. Grundbedürfnisse. Für viele absolut normal. Fallen sie weg, wird‘s schwierig, das Leben zu meistern. “Stuttgarts heißer Kessel” und “Gans viel Nächstenliebe” – zwei Formate, die sich diesem Thema annehmen und die mit absoluter Nächstenliebe zu tun haben. Ende 2018 habe ich Marcus Klein das erste Mal in Aktion erlebt. Bei Gans viel Nächstenliebe in der Reithalle. Fast 500 Personen wurden dort sehr lecker und sehr liebevoll von den vielen freiwilligen Helfern verköstigt. Ich habe mitgeholfen und kam mit einigen Gästen ins Gespräch. 

Ein Tag, die nachdenklich gemacht hat: “Gans viel Nächstenliebe” 2018 in der Reithalle.

Berührend die unterschiedlichen Schicksale, die die Menschen hier zusammenführen. Natürlich hatte ich auch viele Fragen an Marcus. Die gibts im Anschluss. Sehr nachdenklich macht die Erkenntnis, dass es in unserer Stadt so viele Menschen gibt, die Hilfe absolut dringend nötig haben. Das Engagement von Marcus Klein ist ein mutiger erster Schritt, diesen Menschen zu helfen. Nachahmer, couragierte Menschen mit Visionen und Durchhaltevermögen werden gebraucht. “Wenn die Stadt nicht helfen kann oder will, dann müssen es die Menschen selber in die Hand nehmen.” Da ist sich Klein sicher. Recht hat er.

Die Vorbereitungen für beide Veranstaltungen sind enorm. Warum tust du das? Vor Jahren kam das Thema auf, einfach ein wenig von dem, was ich kann und was ich habe, an andere weiter zu geben. Jedoch nicht in Geldform sondern als (Dienst)Leistung. Also Dinge, die ich kann, weiterzugeben und damit andere Menschen glücklich zu machen. Ich kann gut organisieren und kenne viele Menschen. Zudem kann ich motivieren und neue Dinge etablieren. Dann kam das Thema Flüchtlingsthematik hinzu – und ich wollte lokal vor Ort live hier in dieser Stadt Gutes tun. Getreu dem Motto, wahrer Reichtum und wahres Glück entsteht nur, wenn man gibt. So entstand Stuttgarts heißer Kessel.

Damit einher ging die Idee, einmal im Jahr ein Weihnachtsessen zu machen. Jedoch schwierig, Räume am Jahresende zu bekommen. Somit war Martinsgans, Gansessen & Co. erfunden. Titel gesucht und GANS viel Nächstenliebe klingt einfach geil.

Das erste Mal… hatten wir ganz schön Respekt. Würden die Menschen kommen? Das war 2016 und ein voller Erfolg. Das Gansessen kam Ende 2017 hinzu. Und wie du siehst, auch das funktioniert.

Absolut. Fast 500 Hungrige waren in der Reithalle. Was für Menschen kommen zu dir? Wir haben open doors. Es gibt tatsächlich keine Beschränkungen. Alles läuft unkompliziert, alle dürfen rein.

Was empfindest du, wenn du all die Menschen siehst, die zu deinen Essen kommen?
Große Freude, Stolz. Was wir machen, kommt an, läuft und funktioniert. Genau da, wo es funktionieren soll. Toll, dass es auch angenommen wird, denn es hätte ja auch sein können, dass die Menschen aus falschem Stolz nicht kommen.

Und ehrlich, wenn ich in so einer Situation wäre, wo es um die reine Existenz geht, ich wäre froh und dankbar, wenn es eine solche Institution gäbe, wenn ich sie brauchen würde. Alle reden, ich mache!

Was für ein geniales Helferteam (hier sind nur die von der süßem Ecke zu sehen ;). Einige sind schon ziemlich oft dabei gewesen. Jeder einzelne hier hat ein großes Herz.

Überall hört man von Altersarmut und von immer mehr Menschen, die sich weder Miete noch Essen im Alter leisten können. Und wir reden hier von Deutschland. Kümmern sich Staat und Städte zu wenig um ihre Bürger? Ganz sicher tun Städte und natürlich der Staat viel zu wenig und wenn, dann nicht richtig. Unser Format zeigt doch, dass solche Dinge dringend gebraucht werden. Wir werden gebraucht, auch wenn wir “nur” eine private Initiative sind. Deswegen sind wir für viele armen Menschen zu einer festen Institution geworden. Wir stehen vor unserer 18. Veranstaltung. Es gibt in Stuttgart niemanden, weder privat noch Firmen, die so kontinuierlich am Ball bleiben.

Stuttgart ist wie jede Stadt, ungern wird der Fokus auf negatives gelegt. Vor allem nicht, wenn sich das nicht so einfach lösen lässt. Und für das Thema gibt es aktuell nirgends eine Art von Lösung. Schlimmer noch, keinen interessiert es.
Kann der Staat oder die Stadt so etwas nicht regeln, sind wir Mitbürger gefragt. Menschen für Menschen.

Ich habe eine große Anzahl an Freiwilligen gesehen, die alle mit hoher Motivation helfen. Wie gewinnst du deine Helfer? Ich kenne durch meine Tätigkeiten und meine “Art” so viele Menschen – die frage ich einfach. Jeder kann “nein” sagen, jeder der will, darf gerne helfen.
Bisher habe ich noch kein “nein” erhalten.

Wie finanzierst du das alles – wer hilft, gibt es Sponsoren? Ich finanziere Teile vor, einen Großteil bekommen wir ja auch geschenkt. Somit ist mein finanzieller Part eher geringer, aber ein paar tausend Euro sind es schon. Einen Teil erhalte ich von Spenden aus Freundeskreis & Netzwerk. Und wir haben natürlich auch tolle Sponsoren (Sankt Maria Kirche, Cafe Seyffers, Cafe Apotheke Tagesbar, Herbertz Espresso Bar, brot&butter/manufactum, voxelair Werbeagentur, wir machen druck Druckerei, Alexander Scholz bzw. Scholz & Beyer Catering). Leider sind wir kein Verein, zu viel Verwaltungsaufwand. Daher tun sich manche schwer zu spenden. Wobei spenden nur wegen der Steuer auch doof ist!

Ewig und als Einzelkämpfer willst du deine Projekte sicher nicht durchziehen. Was sind deine Visionen in Stuttgart? Mehr Augenmerk auf uns und die Zielgruppe. Dass mehr Menschen den Mut fassen, für andere zu helfen. Dass die Lokalpolitik erkennt, was wir tun. Dass es Nachahmer gibt. Dass wir mehr Unterstützung erhalten, auch finanzielle. Allein 200 Freunde mal 10 oder 20 Euro wären schon mega!!!!

Das nächste Event steht schon in den Startlöchern. “Stuttgarts heißer Kessel” findet am 23. März zum 15. Mal statt. Und auch die Planung “Gans viel Nächstenliebe” läuft auf Hochtouren.

Mitmachen, spenden, etwas bewegen?  Stuttgarts heißer Kessel