Leute, stuttgart diary

Ein Buch ist eine Autorität

Lev Kaplan – Kiew meets Stuttgart

Ein Abend mit dem russischen Buch-Illustrator Lev Kaplan

Ich bin ein Fan von Kinderbuchklassikern und Weltliteratur für Kinder. Letztere eröffnen wunderbar leicht den Zugang zu den großen Klassikern, die sich nur zu oft als schwere Kost erweisen und in meiner Schulzeit zwar gelesen aber nicht immer verstanden wurden.

Für alle, die meine Leidenschaft teilen, gibt es in Stuttgart einen kleinen Bücherladen. Leider oft übersehen. Roller Buch und Presse. Genau am Schlossplatz, im alten Königsbau. Viele kennen ihn als Zeitungskiosk. Doch dahinter verbirgt sich viel mehr. Alfred und Meta Roller bieten ein Sammelsurium an wunderbaren Kinderbüchern aus Omas Zeiten und eben die Klassiker aus der Welt der Großen, verständlich geschrieben für die Kleinen.

Als ich neulich mal wieder bei Roller stöbere, fällt mir Jules Verne‘s „In 80 Tagen um die Welt“ aus dem Thienemann-Esslinger Verlag in die Hände. Was beim Blättern sofort auffällt, sind die Bilder. Was für eine Tiefe und Anziehungskraft. Wunderbar! Der Illustrator: Lev Kaplan. Lebt hier in Stuttgart, erklärt Meta Roller.

Bilder mit Tiefgang

lev Kaplan

Lev und sein Skizzenbuch. Darin zeichnet er unentwegt seine Ideen.

Cool, den will ich kennen lernen!!! Gesagt, getan. Eine Woche später sitzen wir am Abend zusammen beim Italiener. Ein bisschen verwegen sieht er schon aus, so mit Bart und Mütze. Aber Meta Roller hatte recht, er ist total nett.

Ich blättere in den „Bremer Stadtmusikanten“ und „Den Schönsten Sagen der Brüder Grimm“. Sie alle tragen Lev Kaplans Handschrift.

Märchen im Steampunk-Stil

Die ist geprägt vom Steampunk (eine Art abgefahrener Retro-Look mit futuristisch-technischen Funktionen aus viktorianischem Zeitalter). Was noch auffällt, die Zeichnungen von Lev sind mehr als nur einfache Illustrationen passend zum Text.

Ich zeichne nicht, was da geschrieben steht. Meine Bilder sind die Vervollständigung vom Text. Nur dann macht es Spaß. Ich will ein Buch mit Aha-Effekt. Der Leser soll sehen, was er nicht liest. Er soll seine eigene Fantasie zum Interpretieren benutzen und daraus wieder eigene Welten entwickeln.

Die Seiten sind fast wie ein Wimmel-Suchbild angelegt. Man schaut, hält inne und entdeckt jeden Moment ein neues Detail, dass da auf den ersten Blick eigentlich gar nicht dort erwartet wird.

Da bringe ich Dinge mit rein, von denen nicht unbedingt die Rede ist. Das gibt der Geschichte noch mal einen anderen Drive. Manches ist für Kinder vielleicht nicht gleich ersichtlich und wirft Fragen auf.

Aus diesem Grund wünscht sich Lev Kaplan auch, dass die Eltern mehr mit ihren Kindern lesen würden, um im Notfall zu erklären, im besten Fall mit ihren Kindern über das Buch zu diskutieren. Zum Beispiel darüber, warum der Kaiser in „Der Kaiser und die Schlange“ so seltsam auf seinen Höfling schaut? Oder warum die Musikinstrumente bei den „Bremer Stadtmusikanten“ halb vergraben und etwas schäbig aussehen – ähnlich wie die Protagonisten der Geschichte?

Ich nehme mir die Freiheit, die Dinge so zu gestalten, wie ich es denke. Immer mit ein wenig Kaplan-Fantasie. Ein bisschen Wahrheit – ein bisschen Lüge. Die Mischung macht’s…

LevKaplan

Ich bin ein absoluter Perfektionist

Zu jedem Buch gibt es einen dicken Ordner mit Bildern, Skizzen, seinen Recherchen. Ein Buch ist eine Autorität. Da muss man ganz genau arbeiten und recherchieren. Ich lerne selber bei jedem neuen Buch eine ganze Menge dazu. Das Skizzenbuch ist Levs wichtigster Begleiter. Hab ich immer bei mir.

Phileas Fogg konnte in weniger als 80 Tagen um die Welt reisen. Den Klassiker von Jules Verne zu illustrieren – das dauerte rund anderthalb Jahre. Ich arbeite ja tagsüber als Art Director in einer Werbeagentur. Zum Malen kommen ich nur am Abend oder am Wochenende. Manchmal stehe ich auch extra früh auf, um vor der Arbeit noch eine Stunde zu malen. Doch auch wenn das Zeichnen Spaß macht, es ist harte Arbeit. Außerdem macht mich die Doppelbelastung völlig bewegungslos.

Sport? Njet. Das heißt? Mehr Bücher und früher das Zeitliche segnen, oder weniger Bücher, dafür gesünder leben. Theoretisch schon. Praktisch ist letzteres für Lev keine Option.

Leidenschaft pur: Warum nicht nur Illustrator

Ach, dafür bekommt man doch kein Geld. Selbst die Großen der Branche haben meist noch eine zusätzliche Tätigkeit daneben. Ich habe eine Familie – und ein großes Verantwortungsgefühl. Da bleibt wenig Platz für Experimente. 

Außerdem, versuche doch mal im Jahr 2014 Kinder für Bücher zu begeistern!

Wenn ich anders könnte

Natürlich würde ich es anders machen. Aber Kunst und Familie lassen sich nicht vereinbaren. Für die Kreativität ist Monogamie der falsche Weg. Für die wahre Kunst muss man frei sein.

Trotzdem glücklich

Ich bin gesund (mehr oder weniger), hab genug Geld für meine Bedürfnisse, liebe meine Frau und meinen Sohn – das macht mich glücklich. Wenn ich in meinem kleinen Atelier zeichne, eine Schallplatte läuft, da liegen meine Farben, der Kaffee dampft aus meiner Maschine, auch das ist Glück für mich. Mit einem Freund Single-Malt-Whisky trinken, über das Leben diskutieren und Jazz dabei hören, wunderbar. Das absolute Glück gibt es sowieso nicht.

Wer mich inspiriert

Je älter ich werde, desto weiter gehe ich in der Kunstgeschichte zurück. Bruegel, Holbein und Dürer finden sich in meinen Bildern wieder. Vor allem Bruegels „Jäger im Schnee“ ist absolut perfekt. Da steckt so viel drin. Einfach umwerfend.

Was mich nervt

Als ich damals nach Stuttgart kam, waren die ersten Dinge, die ich lernte: Mut und Veränderung waren eher negative Begleiter. Der Spruch, den ich immer wieder hörte: „Das war schon immer so.“ Den kenne ich auch… Leider hat sich das bis heute nicht grundlegend verändert. Zum Beispiel wird an vielen Gymnasien den Kindern die Liebe zur Farbe, zur Kunst, zum Mut, der eigenen Kreativität freien Lauf zulassen, sich mal etwas zu trauen, vermiest. Kein Platz für Fantasie, alles geht nur nach Schema “F”. Lev spricht mir aus dem Herzen.

Das Traumbuch zum Illustrieren

Meine Lieblingsbücher sind „Zweitausend Meilen unter dem Meer“ (hätte er noch lieber als „In 80 Tagen um die Welt“ illustriert) und Stevensons Schatzinsel. Überall, wo Fantasie im Detail drin ist. Ich hasse nichts-sagendes.

Noch typisch russische Eigenschaften übrig geblieben

Darüber denk Lev lange nach. Ich bin seit 22 Jahren in Stuttgart, also mein halbes, wichtigeres Leben. Wenn ich in die Ukraine komme, sagen alle, ich bin ziemlich deutsch. Aber auch wenn ich die Sowjetunion nie richtig mochte, bin ich trotzdem ein alter Sowjet. Und dann fällt es ihm doch noch ein: Ich fluche auf russisch. Und klärt mich gleich auf: Russen sind Genitalflucher, sie fluchen ziemlich derb. Keine näheren Ausführungen nötig. Ich kann’s mir bunt vorstellen. 😉 Aber danach geht’s mir einfach besser. Spricht‘s und zeichnet schnell noch eine Idee in sein Skizzenbuch… Es geht um sein nächstes Projekt. Wieder ein Klassiker. Mehr darf ich aber noch nicht verraten. Wenn‘s soweit ist, lasse ich es euch wissen… (Y)

 

 

Lev Kaplan

Lev Kaplan

Foto: by Caplio

Lev Kaplan wurde 1967 in Lugansk, Ukraine, geboren. Im Alter von sieben Jahren lernte er das Zeichnen und Malen und lernt es bis heute zu. Er absolvierte die Kinderkunstschule und studierte in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Architektur. Seit 1992 lebt er mit seiner Familie in Stuttgart. Er malte und zeichnete frei bis 1994. In diesem Jahr illustrierte er sein erstes Kinderbuch und kann seitdem nicht mehr damit aufhören. Lev Kaplan illustriert für deutsche und russische Verlage und träumt davon, sich ausschließlich dem Kinderbuch widmen zu können, denn der Flug seiner Fantasie ist ihm genauso wichtig wie der Flug der Pinsel über dem Blatt Papier.

© Thienemann-Esslinger-Verlag