Leute, stuttgart diary

Es geht mir weniger um Selbstverwirklichung… Interview mit der Designerin des Stuttgarter Modelabels Liv Bergen

“Du musst mit deiner Kollektion raus aus Stuttgart gehen, um durch die Hintertür wieder herein zu kommen.” Sybille Mezger, Stuttgarter Modelabel Liv Bergen

Liv Bergen

Denkt man an Stuttgart, kommt einem vielleicht nicht sofort das Wort Modemetropole in den Sinn. Aber es gibt neben den vielen Einkaufscentern auch die aufstrebenden Designer, die mit ihren Kollektionen abseits vom Einheitsbrei der überall-erhältlich-Marken aus der Masse rausstechen. Und das nicht immer mit den Gedanken, rebellisch und unter allen Umständen anders sein zu wollen. 

So wie Liv Bergen. Obwohl der Name eher ein skandinavisches Label vermuten lässt, Liv Bergen kommt tatsächlich aus dem Schwabenland. Ich habe mich mit dem Kopf behind getroffen. Entstanden ist ein kleines Porträt über Sybille Mezger, eine bodenständige, coole Designerin, eine echte Schwäbin, eine, die lieber im Hintergrund arbeitet. Aber auch eine, die noch viel vor hat.

Von Stuttgart in die Welt

Modedesignstudium in Antwerpen und Hamburg, zehn Jahre bei Boss in Metzingen, Freelancer bei verschiedenen Firmen. Zeit, um endlich etwas Eigenes auszuprobieren. Mit zehn Kollektionsteilen habe ich 2012 angefangen. Mir ging es primär nicht um Selbstverwirklichung, ich wollte vielmehr mal etwas Eigenes probieren. Und ich wollte endlich unabhängig sein. Ich finanziere mich komplett eigenständig und habe keine Investoren. Das verlangt einen langen Atem.

Aber es geht voran. Die Kollektion wächst von Saison zu Saison und umfasst mittlerweile über 30 Teile. Wir verkaufen nach Belgien, Luxemburg und Holland. Aber auch nach Norwegen, Österreich, in die Schweiz und sogar an einen Kunden nach Japan. Langsam funktioniert es auch in Stuttgart. Aber man muss erst einmal weggehen und sich in anderen Städten und Ländern mit seiner Kollektion behaupten, um durch die Hintertür wieder hereinzukommen. Erst dann wird man angenommen. Ist schon verrückt.

Kommendes Jahr werden wir die neue Kollektion auf der Messe in Paris zeigen. Das ist der nächste Step in den internationalen Markt und ich erhoffe mir viel davon.

Live Bergen Winter15_16Der Style

Liv Bergen soll Süddeutschland widerspiegeln. Feminin mit einem Touch Skandinavien. Junge Shirts im Vintagelook für coole, stilvolle Frauen. Soft & lässig. Purismus mit natürlicher Lebendigkeit, würde ich sagen. Meine Kollektionen sind einfach gehalten und trotzdem ausgefallen und individuell gearbeitet. Ich lege viel Wert auf hochwertige und nicht alltägliche Färbungen der Stoffe.  Erkennungsmerkmal? Ausgefallene Prints oder Statements.

Made in…

Meine Sweatshirts, Kleider und T-Shirts werden ausschließlich in Europa gefertigt. Die Leute schimpfen zwar immer darüber, dass nichts mehr in Deutschland produziert wird. Aber es gibt hier so gut wie keine Textilhersteller mehr. Keiner will das machen. Außerdem ist Ware, die in Deutschland produziert wird so teuer, die würde keiner mehr bezahlen. Ich lasse daher lieber in der Türkei produzieren. Da sind die Arbeitsbedingungen gut, nicht wie in Bangladesch.

Inspirationen

Meine Kollektionen haben alle eine Message. In der letzten Saison haben mich Keith Richard und Patty Smith inspiriert. Heroin Chic aus den 90ern gepaart mit Rock ’n’ Roll & Slogans der 70er. Das spiegelte sich in den Entwürfen wider. Bei mir hat jede Kollektion ein bestimmtes Thema. Im nächsten Sommer geht‘s um Frankreich, Pastis, Côte d’Azur, Tricolore, das maritime Thema. Im Winter 2016 werden Berge, Wandern und Ski umgesetzt.

Meine Ideen bekomme ich über Bücher und natürlich eigene Vorlieben. Ich bin ein Heimattyp und habe die Natur neu für mich entdeckt. Wenn ich ein Thema habe, tauche ich ein. Dann kommt die Kreativität. Es ist eine Entwicklung…

Trendsetter oder -finder?

Ich beobachte den Markt ganz genau. Immer auf der Suche nach dem Trend, der bereits latent vorhanden ist. Ich kopiere nicht, ich suche Inspirationen im Netzt und auf dem Markt. Bringst du was ganz Neues, wird‘s schwierig, auch wenn die Menschen immer etwas haben möchten, was noch nicht da war. Ich laufe den Trends nicht hinterher, aber ich mache auch nichts total Neues. Ich muss die Strömung bereits spüren.

Natürlich erfinde ich mich nicht bei jeder Kollektion neu. Ich nehme gutes aus den alten Kollektionen mit und mische es mit neuen Kreationen. Der Kunde soll Liv Bergen ja schließlich immer wieder erkennen. Denn schlussendlich müssen sich die Modelle auch verkaufen lassen.

Der Trend 2016

Von der rebellischen und revolutionären Rockszene der 70er-Jahre geht‘s im Frühjahr und Sommer zu den Farben, der Natur, den Lichtern und den Menschen des französischen Südens der 60er-Jahre. Die Kollektion flirtet mit der Leichtigkeit und der Feminität der Côte d‘Azur.

 

Liv Bergen  Shorties

Lebensmotto Selbstständig bleiben, der eigene Herr sein, eigene Entscheidungen treffen

Stuttgart ist… Heimat, ein kleiner Schatz. Ich liebe die Stadt und bin sehr gerne hier. Stuttgart ist ein großes Dorf, das aber ganz schön viel Modernität in sich birgt. Sieht man aber meist erst auf 2. Blick.

4 Dinge die dir wichtig sind Ehrlichkeit, Familie & Freunde, Unabhängigkeit

 

Liv Bergen  Tipps

Lebensmittel Die Bauernmarkthalle Vogelsang

Klamotten Das Abseits, das ist außergewöhnlich und lässig, das ist mein Style.

Restaurants Ein echtes Juwel ist der Vietnamese Breitengrad 17. Ich fühle mich dort wie in NY oder Berlin. Die Location ist grosszügig, sehr puristisch bei gleichzeitig quirliger Atmosphäre. Auch unterhaltsam, jedoch völlig anders ist die Weinstube Basta. Hier ist immer was los! Nicht für jeden Tag, aber für besondere Anlässe: Kerns Pastetchen.

Locations Paul & George in der Weberstraße und sehr gerne & oft die kleine Caffè-Bar Fleck und Schneck am Tagblatturm. Im Sommer ist auf jeden Fall das Mineralbad Berg ein richtiger Hotspot. Dörflich, etwas kitschig, schön. Das gönn ich mir, wie ein Tag Urlaub in der Stadt.

Design Studiotique in der Schlosserstraße mag ich sehr. Oder UnternehmenForm in der Nesenbachstraße. Und bei Merz & Benzing lasse ich mich gerne inspirieren.

 

Schlusswort

Tendenzen Stuttgart ist in Sachen Mode nicht hinterher. Die Leute legen Wert auf Mode und haben auch das Geld, zu kaufen. Es gibt bei uns so viele Modecenter und -häuser, im Vergleich zu dieser eher kleinen Stadt. Leider aber zu wenig Nische und zu viel Masse. Mein Label muss in Stuttgart erst noch entdeckt werden. Aber das müssen die Leute selber wollen. Dann funktioniert es.

Ihr wollt mehr? Hier geht‘s weiter…  Liv Bergen

You like it? You can share it.Share on FacebookPin on PinterestShare on TumblrTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on LinkedInShare on Google+