stuttgart diary

Mein Kopf ist sehr bevölkert.

Nina Blazon im Gespräch mit stuttgart diary.
  Nina Blazon im Gespräch mit stuttgart diary.
 

Interview mit der Journalistin und Jugendbuchautorin Nina Blazon. 

Sie fehlt in keinem Kinderzimmer. Wahrscheinlich. Bei uns ist sie jedenfalls präsent. Geheimnisvolle Welten, verborgen Magie, Verrat und Liebe, Freundschaft und Abenteuer – Nina Blazons Bücher stecken voller Fantasy und historischer Geschichten. Erst vor Kurzem habe ich herausgefunden, dass sie mitten im Kessel wohnt. Genau die Richtige für stuttgart diary. ;)

Und so habe ich die sympathische Wahlstuttgarterin getroffen und mit ihr über Inspirationsquellen, die Angst vor weißem Papier und das nächste Buch gesprochen.


ImBannIch schreib dann mal ein Buch… Das ist leichter gesagt als getan. Viele versuchen sich, nur wenige halten durch und bringen es am Ende tatsächlich auf ein stattliches Werk. Dein allererstes Buch war sofort ein Erfolg. Erzähl doch mal…

Nina Blazon: 

Ich war Texterin in einer Werbeagentur. Also ein ganz anderer Kontext, sehr technisch. Meine damaligen Fachgebiete waren unter anderem: Betriebsrentensysteme, Automobiltechnik und Öffentlicher Personennahverkehr. Als Jugendliche war ich großer Fantasy Fan und hatte schon mal die eine oder andere  Kurzgeschichte geschrieben, kleinere Theaterstücke – aber noch nie ein langes Skript. Dann stieß ich auf den Wettbewerb des Ueberreuter-Verlags für den „Wolfgang Hohlbein Preis“, einer der bekanntesten Fantasypreise Deutschlands. Und ich fing einfach an zu schreiben.

 

Dein Debüt “Im Bann des Fluchträgers” gewann 2003 auf Anhieb den Wolfgang Hohlbein-Preis, 2004 kam der Deutschen Phantastik Preis hinzu. Hast du das erwartet?

Ich war stolz wie ein nasses Huhn, unter ein dickes Manuskript tatsächlich das Wort “Ende” gesetzt zu haben. Das war eigentlich schon mein kleiner Sieg. Ja, es war das allererste Romanwerk, das ich geschrieben habe, also ein richtiger Sprung von 0 auf 100. Eine Vorstellung, wie es weitergehen würde, hatte ich erst, als meine damalige Lektorin Susanne Evans mir bei der Vertragsunterzeichnung sagte: “Ach so – und Teil II wollen wir natürlich auch haben.” Damit war der weitere Weg schon gleich abgesteckt. Was wiederum toll war, weil ich gar keine Zeit hatte, mir viele Gedanken zu machen, sondern einfach wieder zum Schreibtisch trabte. Aber dass es so weitergehen würde, hätte ich in den kühnsten Träumen nicht gedacht. Damals lief das Ganze schließlich noch neben meinem regulären Job. Aus dem Erstling wurde eine Trilogie…

 

Wie findet man überhaupt Ideen für neue Geschichten?

Ich lese unheimlich viel, vor allem Biografien. Oder ich fahre mit der S-Bahn und finde ein interessantes Gesicht… Zuerst entsteht der Hauptcharakter. Ich weiß genau, wie er aussieht. Und er hat einen Grundkonflikt, eine existenzielle Angst, die er im Laufe des Buches überwinden muss, ist in einer ausweglosen Situation… Einen neuen Charakter zu finden, ist nicht schwer. Aber eine stimmige Welt um ihn herum zu bauen – das ist viel Tüftelarbeit. Jedes Detail muss stimmig und richtig sein, jede Situation muss passen. Der Leser merkt sofort, wenn irgendwas nicht stimmt.

 

Hängt eine Romanfigur dir nach, wenn du ein neues Buch anfängst?

Sie verblasst, denn mit dem Buch ist auch ihre Geschichte ganz abgeschlossen. Dafür treten andere Personen in den Vordergrund. Mein Kopf ist sehr bevölkert. ;)

 

Wie weit im Voraus kennst du die Geschichte, die du schreibst?

Ich kenne die Charaktergeschichte und die wichtigsten Handlungs- und Spannungsbögen, die Stationen, die mein Hauptdarsteller durchlebt. Der Rest ergibt sich beim Schreiben. So kommen beim Schreiben oft noch weitere Figuren und Nebenhandlungen dazu.

 

Hast du Angst vor weißem Papier?

Gute Frage. Du musst dran bleiben, es schreibt niemand für dich. Als Autor bist du ein Einzelkämpfer und hast immer Druck. Vor allem, wenn der Abgabetermin naht. Ich bin überhaupt kein Organisationstalent; ich muss mich zwingen. Das Buch ist fertig, wenn Abgabe ist. Ich brauche diesen Kick, sonst würde ich noch ewig am Text feilen.

 

Wie lange dauert ein Buch?

Ein Fantasy Roman kann nach drei Monaten fertig sein. Ein historischer Roman bedarf viel Vorbereitung und genauster Recherche. Da gehen schon mal eineinhalb Jahre ins Land.

Das erste Drittel ist die entscheidende Hürde. Man fädelt alles ein, lernt auch die Figur erst kennen. In den Anfängen zeigt sich, ob das, was du im Kopf hast, auch auf dem Papier funktioniert. Es entsteht eine Ordnung im Kopf. Das erste Drittel ist der schwierigste Part. Danach kann man die Figur laufen lassen. Beim Thema „Welt und Handlung“ besteht dagegen ständig Planungsbedarf.
my writing life

Wenn ich zum Beispiel einen historischen Roman schreibe, muss ich genau wissen, wie läuft ein mittelalterlicher Tag ab, was essen und trinken die Menschen, beiläufige Dinge, die aber dem Ganzen Glaubwürdigkeit verleihen. Hier muss ich bei Bedarf immer wieder nachrecherchieren.

Der Anfang ist ein eher stockendes Schreiben. Das letzte Drittel macht sehr viel mehr Spaß, es ist spielerischer, schneller, ich kann mit der Figur denken. Am Ende wundert man sich dann, wie schnell es vorangeht. Die Phasen des Schreibens kann man mit der Arbeit eines Schauspielers vergleichen. Der wächst ja auch in seine Rolle erst hinein.

 

Wo holst du deine Inspirationen her? Für Silfur warst du in Island…

Ich Reise gerne, am liebsten, um für ein neues Buch zu recherchieren. Deshalb besuche ich jeden Ort, wo meine Bücher spielen. In London bin ich mit der Stoppuhr rumgelaufen, um zu schauen, wie schnell man tatsächlich von einem Ort zum anderen kommt. Authentizität ist wichtig. Auch wenn dich die Leute komisch anschauen, wenn du für eine fiktive Verfolgungsjagd mit der Uhr in der Hand durch die City rennst.

“Silfur”, das neue Kinderbuch für Leser ab zehn Jahren, spielt in Island, vor allem in der Hauptstadt Reykjavík. Ich möchte, dass die Kinder die Gegend tatsächlich ablaufen könnten. Dass Häuser, Straßen oder kleine Läden, die im Buch vorkommen, in der realen Welt existieren.  Fantastische Elemente wirken nur, wenn der Rest (z.B. die Stadt) realistisch ist. Realismus schärft Fantasie – sie wird dann glaubwürdiger.

Eine weitere Inspiration für das Schreiben sind Kontakte zu Fachleuten, die ich für die Recherche mit ins Boot hole. Dazu gehörten bisher unter anderem ein Profiler und eine Wolfsforscherin. Und genau das ist auch das Tolle an meinem Beruf: dass ich mit interessanten Menschen Kontakt habe, die ich sonst nicht treffen würde, die mich aber unheimlich bereichern!

 

Gibt es auch ein Buch, dass in Stuttgart spielt?

Bisher noch nicht. Die Stadtgeschichte ist natürlich sehr spannend, aber diese Themen wurden schon in so vielen anderen historischen Romanen bearbeitet, unter anderem von Petra Durst-Benning. Die Frage ist aber, was kann man Neues hinzu bringen? Nur dann wäre es sinnvoll, sich diesen Schauplatz herauszupicken.

Lieblingsautor & Lieblingslektüre?

Nach wie vor lese ich gerne Biografien, Krimis und Science-Fiction, sowohl Klassiker wie den US-Amerikaner Theodore Sturgeon oder Ray Bradbury, als auch moderne Werke wie Kai Meyers Space Opera „Die Krone der Sterne“ und den absolut fantastischen Apokalypse-Thriller „Am Ende aller Zeiten“ von Adrian J. Walker.

 

Hast du ein besonderes Talent zum Schreiben?

Es ist viel Handwerk dabei. Außerdem war es nie mein Plan, dass ich tatsächlich Autorin werde. Jetzt habe ich schon 30 Bücher geschrieben. Da steckt echt viel Arbeit dahinter. Aber es wird nie langweilig, weil es immer anders ist. Immer neu.

 

cover-liebten_wirWie bei deinem neuer Roman “Liebten wir”

Ja, das erste Erwachsenen-Buch war in der Tat was ganz Neues für mich. Es war ein viel freieres, komplexeres Schreiben. Ich habe mein Handwerk sozusagen auf eine ganz andere Art gelernt. Das hat total viel Spaß gemacht.

 

Du bist Wahlstuttgarterin? Was gefällt dir am Kessel?

Ich bin nach dem Studium hier gelandet und fühle mich hier zuhause, habe einen tollen Freundeskreis. Es passt einfach. Stuttgart ist keine riesige Stadt, man kann alles zu Fuß erledigen. Ich gehe sehr viel spazieren – und das ist das Tolle an dieser Stadt, man ist sofort im Grünen, in Parks, kann durchatmen.

 

Gibt es schon einen nächsten Roman?

Ja, ein Fantasie Kinderbuch für Leser ab 10 Jahren. Aber ich bin noch in Konzeptionsphase…


Nina‘s Tipps

Inspirationsquellen  württembergische Landesbibliothek, Lindenmuseum, Wittwer, die Stadt Bibliothek

Cafés  Café Schurr, eine Konditorei mit langer Familientradition, hier gibt es das beste Teegebäck der Stadt (in Form roter Herzen!). Aber auch gerne im Breuninger in Karls Kitchen – wegen dem Ausblick.

Free your mind  Im Maurischen Garten in der Wilhelma, Heslacher Wasserfälle oder der Fangelsbach Friedhof  am Marienplatz – ein wunderbarer Park mit altem Baumbestand. Außerdem gibt es hier prominente Gräber zu besichtigen, zum Beispiel liegt dort Schillers Sohn (wieder was gelernt)…

 

Ihr wollt mehr? Hier geht‘s weiter…  Nina Blazon

 

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