Leute, stuttgart diary

Humanitäre Mode aus dem Kessel

01Das [eyd]-Team (v.l.): Eduard, Nathalie, Simon, Dietmar, Kathrin und Sophia.

Eher durch Zufall habe ich in einem Popup-Store eines Cannstatter Cafés Nathalie Schaller getroffen. Sie ist die Geschäftsführerin der [eyd] HUMANITARIAN CLOTHING GMBH und übersetzt mit ihrem Team humanitäre Arbeit in eine völlig neue Vision des Modemachens. Ich spreche mit Nathalie über Pläne, Ängste und der nicht gerade einfachen Erfüllung eines Herzenswunsches. 

[eyd] ist ein Geheimtipp. Noch.

Ja, wir sind noch nicht so bekannt. Am 1.10.2017 sind wir erst online gegangen.

Was macht [eyd] genau?

Wir verkaufen Mode, die nicht nur bio und fair, sondern auch humanitär ist. Die lassen wir ausschließlich in Werkstätten produzieren, die gezielt Opfer von Menschenhandel beschäftigen und diesen eine echte Perspektive bieten. Darüber hinaus spendet [eyd] 25 Prozent des Gewinns an den Made for Humanity e.V..

Euer erstes Projekt startete in Indien. Warum dort?

In Indien gibt es ein riesen Problem mit dem Menschenhandel. Außerdem ist Mumbai die Partnerstadt von Stuttgart. Wir sind hingeflogen, haben verschiedene Nachsorgeeinrichtungen kennengelernt und Ramona und Keith getroffen. Die beiden hatten bereits Erfahrung mit dem Thema Rehabilitation von Frauen, die Opfer von Menschen­handel waren. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch.

Zusammen haben wir die soziale Nähwerk­statt CHAIIM aufgebaut. Das ist die Haupt-Produktions­stätte der [eyd]-Produkte und erste karitative Partnerwerkstatt, die von der indischen Organisation Chaiim geleitet wird. Dort lernen die Frauen aber nicht einfach nur zu nähen, sondern gleichzeitig einen ersten Beruf, werden therapeutisch betreut, holen Schulunterricht nach und werden ermutigt, ihr Leben selbst zu gestalten. Eine Integration in einen Alltag sozusagen. Den hatten die Frauen bis dahin nicht, ebenso wenig eine Schulbildung. Nach 2 bis 3 Jahren sind die indischen Frauen soweit und können in ein selbstbestimmtes Leben starten.

Wie kam es zu dieser Idee?

Das erste Mal kam ich bei einer Reise durch Kambodscha mit Zwangsprostitution und Menschenhandel in Kontakt. Mir war das Thema überhaupt nicht bewusst. Und es hat mich total geschockt. Die Mädels, die dort aus der Zwangsprostitution befreit wurden, waren so alt wie ich, sie hatten keine Perspektive, standen mit Nichts da. Das hat mich nachhaltig so tief beeindruckt, dass daraus der Wunsch entstand: ich will etwas machen für und mit Frauen in solch aussichtslosen Lagen.

Berührt von den Lebensgeschichten und geschockt davon, wie wenig Ahnung wir selbst von der Schatten­wirtschaft des Menschen­handels hatten, setzen wir uns seitdem mithilfe unserer Freunde und Käufer für die Betroffenen ein. Auch wenn es bis zum heutigen Punkt Jahre gedauert hat, das alles aufzubauen…

Wie läuft der Verkauf in Stuttgart an?

LookBookDie Stückzahlen sind noch gering, da wir sehr klein sind. Unsere Preise sind daher etwas teurer. Im Fokus steht aber das Sozialprojekt. Das heißt nicht, dass dies nichts kostet. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten, müssen den Leuten sagen, mit deinem Kauf veränderst du Leben. Wir stehen 100 Prozent hinter der Sache, weil es echt etwas gutes ist. Das muss erstmal in die Köpfe der Menschen hier bei uns.

Die Frauen werden bei euch sichtbar…. 

Ja, denn jede Frau hat ihr eigenes Symbol, das am Ende in das jeweilige Teil kommt, welches sie bearbeitet hat. Zu jedem Imprint gibt es eine kurze Geschichte der Frau. So wollen wir die Brücke schlagen zwischen dem Produkt und denen, die es herstellen.

So was ist einmalig. Und unsere Kunden schauen auch danach und finden das gut. Für die indischen Frauen ist es eine enorme Wertschätzung. Sie sind sehr stolz und wir können mit diesem Imprint und der verbundenen Geschichte etwas von unserer Wertschätzung ihrer Arbeit gegenüber zurückgeben.

Motivation.

Das Wissen, dass wir was Gutes schaffen. Und wenn wir vor Ort sind und sehen, wie die Frauen sich entwickeln. Anfängliche Schüchternheit, kein Wort Englisch sprechend, völlig hoffnungslos… All das verbessert sich merklich mit der Zeit. Die Frauen blühen richtig auf. Sie heiraten, bekommen Kinder. Wir können mit unserem Projekt eigene Träume und Leben schaffen. Das macht so viel Spaß.

Ängste.

Es gibt Phasen, die nicht so einfach sind. Der Kampf um die Finanzen ist immer da. Wir haben schon Druck, dass es funktioniert. Schlaflose Nächte inklusive. Das Gefühl, alles läuft und es ist genug Geld da, das gibt’s noch nicht.

„Wir müssen den Leuten sagen, mit deinem Kauf veränderst du Leben!“

Aber es ist eben unser Herzensprojekt und unsere Mitarbeiter haben das richtige Herz für Sache. Ein großer Glücksfall. Außerdem, was wäre die Alternative? Die indischen Frauen hätten keine Chance mehr. Wenn es uns umhaut, haut es die Inder um. Man vertraut uns dort, wir haben was zugesagt, darauf hoffen die Inder. Es müssen Aufträge kommen, um die Werkstatt betreiben zu können.

Natürlich haben wir schon Vertriebswege, einige Erfahrungen, alles ist wohlüberlegt. Es Kann funktionieren. Auf Dauer. Die Menschen hier müssen kaufen, dann können wir weitermachen. Um so mehr Aufträge – um so mehr Frauen kann in Indien geholfen werden.

Future music.

Zuerst mal wollen wir in Indien größer werden und das Ganze auf feste Beine stellen. Wenn wir die Sachen hier gut verkaufen, dann wächst auch Indien. Mein ganz persönlicher Traum ist es, das gleiche Konzept auch in Brasilien und Deutschland anzubieten. Der Bedarf hier bei uns ist genauso da, das darf man nicht vergessen. Ich fühle mich auch verpflichtet, hier etwas zu bewegen.

Und wir haben eine Vereinsreise im Kopf, die das Projekt einfach anfassbar und begreifbar macht. Ich denke, man muss die Menschen zu Botschaftern machen, dann hat das Ganze eine Chance, weitergetragen zu werden.

Das große Ziel.

Durch den Kauf von etwas Schönem was Gutes ermöglichen. Das ist unser Ziel. In den allermeisten Fällen leiden die Menschen, die die Mode letztendlich herstellen müssen. Bei uns ist das Gegenteil der Fall. Mit [eyd] investiert der Käufer nicht nur in sozial- und umweltverträgliche Mode, sondern hauptsächlich in die Menschen, die diese für sie machen.

Video eyd

Schaut euch das Video an…

Mitmachen, kaufen, mehr erfahren… hier gehts direkt zu [eyd]

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